BemerkenswertAuf dem Boden der Tatsachen

Auf dem Boden der Tatsachen

Fast einen Monat lang befinde ich mich in diesem mir zuvor unbekannten Land. Meine Erwartungen waren sehr niedrig, die vorigen Briefings mit der verantwortlichen Dozentin haben meine Kommilitonen und mich viel mehr in Angst und Schrecken versetzt. Das nennt man dann wohl Sensibilisieren auf Ebene 100: Es gibt keine Straßennamen, die Menschen wollen alle nur dein Geld; das Wasser, was verkauft wird, ist das verdreckte aus der Wasserleitung, vereinzelnd sollte man sich lieber nicht auf die Straße trauen. Und wenn man alleine in den Flieger steigt um dieses Land zu entern, können die Angehörigen sich schon mal mit den Kosten für eine Beerdigung und einen Sarg beschäftigen. Autsch! Hab ich mein Taschenmesser dabei? Pfefferspray oder sogar eine Pistole?

Nun bin ich hier angekommen – ohne Schutz – und frage mich: WO IST DAS PROBLEM? Die Menschen sind wundervoll, fröhlich und sehr entspannt, die Lebensmittel bestens versiegelt oder frisch auf dem Markt zu bekommen, wir sind weit entfernt von Gewalt und Kriminalität und es gibt sogar Straßenschilder.

Alles nur eine Maßnahme um uns auf den Boden der Tatsachen zu holen? Mh.. vielleicht nicht ganz die Art, wie ich es versucht hätte, Unwissende über die Risiken eines Landes zu informieren. Aber herzlichen Glückwunsch, etwas Positives hat diese Methode nämlich doch: Meine Einstellung auf das Schlimmste wurde besänftigt, die Stimmung ist gigantisch und die Spannung hat sich rapide gelöst. Meine Pulsfrequenz ist runtergefahren, die Atmung fällt mir leichter. Ich werde es hier definitiv überleben. Die Sarg-Buchung kann wieder storniert werden.

Ich sehe überall Strand, Schildkröten und andere exotische Lebewesen; tanzende und musizierende Menschen, höre das Meer rauschen und erlebe spannende Traditionen und Essgewohnheiten. Okay, aber nun mal wieder runter von der Wolke Nummer sieben. Um EUCH jetzt mal etwas zu sensibilisieren: Es ist nicht ganz so paradiesisch, wie ich es hier gerade beschrieben habe. So wie jedes Land bringt auch dieses seine Ecken und Kanten mit sich. Ich verkaufe Ghana daher schon eher als ein Survival-Land für Europäer. Wer nicht weiß wie er improvisieren kann, hat hier nichts verloren. Wir haben hier regelmäßig Stromausfall, das Wasser ist auch häufig aus. Nichts für die Beauty-Queens unter uns. Die Internet-Junkies würden hier wahrscheinlich auch untergehen. ODER sich neu kennenlernen, andere Prioritäten entwickeln und seinen Horizont erweitern.

Ich habe zwar auch in Deutschland weniger als der normale Otto die Dienste des Internet in Anspruch genommen, aber für die ein oder andere Recherche hat es dann doch überzeugende Arbeit geleistet. Doch das alles brauche ich hier nicht. Nicht in Ghana! Wir gehen back to the roots und nutzen, was Mutter Natur uns gegeben hat und was wir, per Hand, aus ihr schöpfen konnten.

Das wichtigste fürs Studium lese ich in Büchern, ich tanze traditionelle Tänze, trommele auf meiner Djembe oder gebe mir größte Mühe die vielen neuen Songtexte auf der Landessprache Twi zu übersetzen und zu verstehen. Das Musik-lesen habe ich schnell gelernt. Mein Auslandssemester an der Uni Winneba hat bereits begonnen und die Präsenz ist hier von Vorteil. Vor Allem wenn man als einziger Obruni (hellhäutiger Mensch) auf dem Campus, schon nahezu wie ein Rockstar, rumläuft, sollte man seine Abwesenheit besonders gut einplanen. Bald geht es los, ich werde ein Stück von einem afrikanischen Komponisten vorsingen, dafür lerne ich heute. HART! Und in der Sonne. Lasst es euch gut gehen. Shalom

Welcome to Africa – Akwaaba!

Welcome to Africa – Akwaaba!

Training ist zu Ende. Auf dem Sportplatz wird es dunkel, es beginnt die Zeit ins Haus zugehen. Die Gefahr, an Malaria zu erkranken, ist jetzt am größten. Also schnell in Sicherheit bringen vor dem schweren Fieber, Gliederschmerzen und Reizdurchfall. Nicht zu verschweigen ist die lebenslängliche Blutspende-Sperre, die durch einen Moskitostich riskiert werden kann. Niemand sollte es auf die leichte Schulter nehmen mit den kleinen, krankheitsübertragenden Blutsaugern.

Doch auf dem Sportplatz sammeln sich gerade viele Menschen. Vereinzelt, aber auch in Gruppen stehen sie nun da, wenige laufen hin und her. Wenn du von weitem schaust, könnte es eine jugendliche Gruppe sein, die den Feierabend genießt. Hörst du allerdings genau hin, wird dich etwas irritieren. Einige Menschen schreien, andere bewegen sich stetig zu hektisch, um eine gewöhnliche Unterhaltung zu ermöglich. Tunlichst unauffällig untersuche ich das Spektakel aus einer geringeren Distanz. Sogar den möglicherweise knackenden Äste kann ich ausweichen, um meiner Forschertour ein sicheres Ergebnis zu verschaffen. Peinlich berührt bleibe ich plötzlich stehen, als ich merkte, wie die Menschenmasse auf mich aufmerksam wird und sich dadurch die Geräuschkulisse einstellt.

Die Kooperation mit Conan Edogawa scheint noch keine Früchte getragen zu haben. Wenn der drei-Käse hohe Meisterdetektiv gesehen hätte, wie rasch ich in meiner Schnüffel-Aktion ertappt wurde, wäre er wahrscheinlich zutiefst enttäuscht gewesen. Der aktuelle Schnupfen lässt die Fehlfunktion meiner, eigentlich großartig arbeitenden Spürnase entschuldigen.

Von Tollpatschigkeit verfolgt, kämpfe ich mich nun durch die Situation. Schnell auf der Hacke kehren, Kopf nach unten gerichtet, Arme an den Körper, die Schritte werden schneller und mein Gesicht ROT. Jetzt bloß nicht hinfallen!

Es ist durchaus ein unangenehmes Gefühl, fromme Menschen offensichtlich in ihrer Gottesanbetung zu belästigen, sodass sie sogar den Gebetsakt unterbrechen und womöglich neu beginnen müssen. Es sind also die Anhänger der „kleineren“ Religionen, die sich täglich zum Gottesdienst bei Dämmerung auf den Sportplätzen Ghanas versammeln. Keine Jugendparty! Kein Leichtsinn! Kein Alkohol!

„Welcome to Ghana“ sagt ein Mann, der mich dabei beobachtet, wie ich mich mit der einkassierten roten Karte vom Spielfeld entferne. Er lacht. Das Wort „Medawsi!“ bewegt sich undeutlich aus meinem Mund, als ich nahezu an ihm vorbei renne.

In meinem Zimmer angekommen erwartet mich ein weiteres Willkommens-Geschenk. Bereits nackt stehe ich in der Dusche, drehe den Wasserhahn auf Vollgas. Zielstrebig rasen drei Tropfen an meinem Kopf vorbei und explodieren auf meinem Unterarm. Keine weiteren Spritzer im Rennen. Was sagt mir das? Das Wasser fließt heute nicht! Ironisch lachend springe ich aus der Dusche, ziehe mir ein Tuch über und hüpfe zurück auf mein Bett um die Musik abzuspielen, die ich von meinem Trommel-Lehrer geschenkt bekommen habe. Verschwitzt und schmutzig, aber zufrieden. Für einige ist dieses Ereignis wahrscheinlich eine große Herausforderung, sich nach einem anstrengenden Tag nicht duschen zu können. Du gewöhnst dich dran, Obruni! Jetzt im Dreieck zu springen wird die Situation nicht verändern.

Das Wasser ist ein sehr sensibles Element hier in Ghana und braucht Zeit um sich zu reaktivieren. Daher erfreue ich mich an der schönen Musik und lausche ihr gründlich. Warum sollte ich dieser gängigen Situation nicht einfach ein Ritual widmen und fortan bei jedem Wasser-Ausfall im Dreieck „tanzen“? Es wäre doch eine Möglichkeit um aus dieser ungünstigen Situation eine fröhliche Tanz-Gelegenheit zu machen. Kaltes Wasser auf der Haut bewirkte in mir schon immer ein ungemütliches Gefühl, deshalb hoffe ich auf eine nette Dreiecks-Choreographie am Ende meines Aufenthaltes. Gerne dusche ich morgen oder übermorgen. Das sind die Umstände in diesem Land.

Nicht nur das Wasser, sondern auch der Strom bleibt hier regelmäßig aus. Die Verbindung ins weltweite Netz ist aufgrund dessen ständig eingeschränkt, was das Leben hier zu einem sehr einfachen und bodenständigen Erlebnis verwandelt. Die Ghanaen wissen sich zu helfen und haben für solche Fälle, die auch gerne als „Ghana sickness“ betitelt wird, vorgesorgt. Mit Strom vorsorgen? Ja, hier gibt es Strom-Generatoren, aufladbare Lichtquellen und vereinzelt sogar Solarzellen auf den Dächern. Daumen hoch, zukunftsorientiert sind nämlich nicht nur wir.

Ein Stromausfall wird hier mit Gelassenheit genommen. Was in Deutschland womöglich undenkbar erscheint, ist in Ghana der normale Alltag.

Schon in Deutschland war es für mich ein Vergnügen bei Kerzenschein zu lesen oder zu meditieren. Ghana und ich kommen uns immer näher. Es wird noch heiß hier.

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Ein anderer Blickwinkel – Äte Sän?

Ein anderer Blickwinkel – Äte Sän?

Die Unterschiede zum europäischen Leben machen sich bereits am Flughafen bemerkbar. Das Wort Bürokratie wird hier nicht besonders groß geschrieben. Gut, denn ich hatte ohnehin keine Lust nach der strapazierenden Anreise noch lange in der Warteschlange zu stehen, nur um einen bunten Stempel für mein Sammelheft, dem Reisepass, zu ergattern. In diesem Land gibt es offensichtlich noch Vertrauen. Selbst mein Handgepäck wurde nicht gescannt. Neben dem Temperaturunterschied zeigt auch die Einstellung zur Müllversorgung ihren prägenden Kontrast. Der Müll wird nicht sortiert und schon gar nicht in einen Mülleimer geworfen. Wo hin denn dann? – Na auf den Boden, ist doch klar. Denn beidseitig neben den Straßen gibt es Abfallgruben, wo jeglicher Müll seine Bleibe findet. Der Aufenthalt ist allerdings nur temporär. Wenn genug Müll zusammengekommen ist, wird ein Müllhügel konstruiert und anschließend mit Feuer beseitigt. Einer der widerlichsten Gerüche, den ich je in der Nase hatte, entsteht dabei. Und wenn wir erstmal in solch einer Duftwolke stecken, können wir dem Gestank von verbrannten Plastik nicht mehr entkommen.

Viele Projektarbeiten von Auswärts, aber auch von den Locals, werden diesbezüglich veranstaltet, um die Entsorgungssituation zu verbessern und den Menschen eine umweltorientierte Wahrnehmung zu verschaffen. Es befindet sich noch in den Startlöchern, aber schon in einigen Örtchen wurden die Maßnahmen ganz wunderbar angenommen. Auch wir beteiligen uns an einen Projekt, dem Aufbau einer Schule eines kleinem Dorfes neben Winneba. In Afrika werden keine dichtisolierten Wände benötigt, um Räumlichkeiten herzustellen. Daher flechten wir Zäune aus Palmenblättern oder fällen Palmen, um einem Raum vier Wände zu geben. Eine inspirierende Handarbeit!

Trotz der Müllproblematik leben wir hier größten Teils MIT der Natur. Die meisten Lebensmittel sind zu 100% natürlich. Wir ernähren uns gesund mit den Früchten und dem Gemüse aus der Region. Sorgen um gefährliche Spritz-Dünger und Nitraten auf der Haut des Naturguts wurden womöglich noch nie veranlasst. Wozu auch – die Lebensmittel werden schließlich reif und essfertig geerntet und  unmittelbar im Anschluss auf dem Markt für kleines Geld verkauft. Es gibt kaum Milchprodukte. Der Genuss von Schokolade, Käse, Milch und Yoghurt wird mich dann wohl erst wieder im Februar erfreuen. Ich, als orthodoxe Vegetarierin, transformiere dann doch gerne mein Lifestyle in die vegane Richtung. Eine andere Möglichkeit verbleibt mir schließlich nicht. Und wo wir gerade über Sekten und Religionen sprechen: In Ghana ist die Mehrheit gläubig und hält es für ausgesprochen wichtig sonntags in die Kirche zu gehen. Der größte Teil der Ghanaen und sogar deren Autos sind Christen. Mindestens ein Schriftzug über Jesus befindet sich auf jedem Auto. JESUS LOVES YOU!

Weiterhin beeindruckt mich die prächtige Laune der Westafrikaner. Einfach jeder hat eine positive Einstellung zum Leben, grüßt dich freundlich und erkundigt sich nach deinem Befinden. Ist das nicht klasse? Wir Deutschen bringen gerade mal eine Begrüßung über die Lippen und denken damit unseren gesellschaftlichen Soll erfüllt zu haben, ziehen schnell weiter, da wir ja heute nachmittag noch ein Meeting mit dem Finanzbeamten haben. In Ghana gibt es keinen Stress, keine Hektik! Es wird sich Zeit für seine Mitmenschen genommen, egal ob bekannt oder unbekannt. Das Zwischenmenschliche stimmt – wir leben hier tatsächlich miteinander, nicht beieinander, nicht nebeneinander und nicht alleine. Einer für alle, alle für einen! Und genau das macht mich zu einer sehr glücklichen Person.

Ob mich die engstirnigen Deutschen, die das Wesentliche im Leben mit Stress und Hektik ersetzt haben, nächstes Jahr auch zuvorkommend und fürsorglich begrüßen? Das kann ich natürlich nicht erwarten. Ghana und Deutschland teilen schließlich nicht die selbe Definition eines zufriedenstellenden Lebens. Da wäre es wohl unangemessen einen solchen Anspruch zu stellen und meine Landsleute in ihrer Komfortzone zu belasten. Aber ich nehme viel Wärme und Glückseligkeit mit nach Deutschland. Und falls ihr mal etwas braucht, kommt vorbei. Ich teile gerne.

Äte Sän? bedeutet: Wie geht es dir?

Äjä! heißt: Gut!

Und das ist meine tägliche Antwort. Denn es geht mir gut!